Anmerkung zur Veröffentlichung
Dies ist der zweite von drei Texten, die sich mit der Kampagne für eine Sozialistische Partei (KSP) und Junge Linke (JL) beschäftigen. Während sich der letzte Text:
hauptsächlich mit JL beschäftigt hat, geht es diesmal um die KSP. Ich habe diesen Bericht vor circa einem Monat fertiggestellt. Er umfasst weit mehr als der letzte Beitrag und kann als eine Einführung in die KSP als Organisation verstanden werden. Die Kapitel V. Das Primat der Praxis, VIII. Die Probleme und IX. Hängt die Parteifahnen raus! sind am aufschlussreichsten für den Vergleich mit JL. Alle Quellen sind am Ende des Beitrags verlinkt.
Der dritte Text dieser Reihe wird wieder wesentlich kürzer sein, den aktuellen Stand von JL und KSP darstellen und ein vorläufiges Fazit ziehen.
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Der originale Text
Inhaltsverzeichnis
Vorwort
I. Worüber ich (nicht) schreibe!
II. Wozu brauchen wir noch eine Partei?
III. Was macht die KSP?
IV. Die Sache mit dem Sozialismus bei Fabian Lehr
V. Das Primat der Praxis
VI. Von der (Nicht-)Identität der Praxis
Die Linke als handlungsfähiges Subjekt in der Geschichte ist tot.
Das Problem der Identität von Hegel bis Adorno
Der Regress von der Wissenschaft zur Utopie
VII. "Sollten wir uns einfach auflösen?"
VIII. Die Probleme
Das freiheitliche Moment
Die KSP ist gleichzeitig Teil und nicht-Teil der Linken
Die unzureichende Professionalität.
Das Durchhaltevermögen
Die KSP ist unattraktiv für junge (bauch-)linke Menschen.
IX. Hängt die Parteifahnen raus!
X. Die Partei, die Partei, die lag leider falsch...
XI. Was nun?
XII. Fazit
Vorwort
Am 21.02.2026 trafen sich in Leipzig die Aktivist:innen der Kampagne für eine Sozialistische Partei (KSP) zu ihrer 3. Mitgliederversammlung (MV) seit der Neugründung der KSP im Jahre 2023. Die MV bestand aus zwei Teilen, einem Workshop am Vormittag, um die Erfahrungen aus dem zivilgesellschaftlichen Aktivismus zu reflektieren, und dem eher formalen Teil am Nachmittag, mit Berichten, Diskussionen und Wahlen.
Bereits am Vorabend fand in Leipzig der Sozialistische Salon statt, der sich diesmal mit der KSP selbst befasste, die dem Publikum über die eigene Praxis Rede und Antwort stand. Ich wurde zur MV als Gast eingeladen, um einen Einblick in die KSP zu bekommen, die mir aus dem Umfeld von Junge Linke (JL) der Platypus Affiliated Society (Platypus), aufgrund personeller Überschneidungen zwischen KSP und Platypus und dem Austausch zwischen JL, KSP und Platypus, bereits bekannt war.
Nach meinen Erfahrungen auf Konferenzen der Grünen Jugend, der Linksjugend, von Junge Linke Deutschland und Österreich sowie der Kommunistischen Partei (KP), ging ich davon aus, dass mich nichts mehr überraschend könnte. Ich erwartete nur ein weiteres Wochenende voller Workshops und interner Organisationsbürokratie.
Ich lag falsch. So etwas, wie an diesem Wochenende, hatte ich noch nie erlebt.
I. Worüber ich (nicht) schreibe!
Dieser Bericht verfolgt vier Ziele.
Einen Beitrag zur kritischen Selbstreflexion der KSP leisten.
Außenstehenden einen groben Einblick in und ein grundlegendes Verständnis von der KSP geben.
Die Erfahrungen, Ereignisse und Debatten der Mitgliederversammlung ganz konkret, als auch im allgemeinen Kontext der deutschen Linken für die Nachwelt festzuhalten.
Den Versuch der Darstellung verschiedener Tendenzen innerhalb der KSP anhand von Diskussionsbeträgen.
Um mich diesen Zielen anzunähern, ist der Text in fünf Teile untergliedert. Nach der Einleitung aus Vorwort und I. Worüber ich (nicht) schreibe!, versuche ich im zweiten Teil, unter II. Wozu brauchen wir noch eine Partei? und III. Was macht die KSP?, die Entstehung und den aktuellen Stand der KSP kurz zu umreißen. Anschließend gehe ich im dritten Teil, in den Kapiteln IV. Die Sache mit dem Sozialismus bei Fabian Lehr, V. Das Primat der Praxis, VI. Von der (Nicht-)Identität der Praxis und VII. "Sollten wir uns einfach auflösen?", auf die Debatten aus dem Workshop und der Mitgliederversammlung sowie deren Bedeutung für die KSP ein. Unter VIII. Die Probleme und IX. Hängt die Parteifahnen raus!, dem vierten Teil, lege ich einige Probleme dar, die in Zukunft an Bedeutung gewinnen könnten. Der fünfte und letzte Teil ist mit X. Die Partei, die Partei, die lag leider falsch..., XI. Was nun? und XII. Fazit eher als allgemeiner Meinungsbeitrag zu verstehen. Da dieser Bericht nicht im luftleeren Raum entsteht, soll er ganz bewusst den aktuellen (Zu-)Stand meines Bewusstseins sowie die Wirkung der Mitgliederversammlung der KSP auf ihn abbilden.
Bei diesem Bericht handelt es sich nicht
um ein chronologisches Protokoll.
um eine Empörung suchende "investigative Recherche".
um eine detaillierte Darstellung der einzelnen Projekte der KSP.
um eine Gegenüberstellung des KSP-Ansatzes zu dem der Kommunistischen Partei (KP) oder von Marx21 in der notwendigen Tiefe, um allen gerecht zu werden und nicht nur Polemik zu betreiben. Eine derartige Darstellung in kondensierter Form wäre allerdings äußerst interessant.
Alle Zitate, sofern nicht anders angegeben, stammen von Mitgliedern der KSP. Um die Mitgliederversammlung als einen geschützten und offenen Diskussionsraum nicht zu gefährden, werde ich die Sprecher:innen nicht namentlich nennen und versuchen die wörtlichen Zitate auf ein Mindestmaß zu reduzieren.
II. Wozu brauchen wir noch eine Partei?
Gibt es neben der Linkspartei, der DKP,1 der RKP,2 der MLPD,3 der SGP,4 Mera25,5 der Kommunistischen Partei (KP)6 und zahllosen weiteren kommunistischen Sekten überhaupt noch Platz für eine neue Partei? Ist jetzt der richtige Zeitpunkt dafür?
Die Antwort der KSP - überraschenderweise - NEIN!
Anders als der Name vermuten lässt, zielt die KSP nicht darauf ab, kurz- oder mittelfristig eine neue Partei zu gründen, wie es andere tun. Man erinnere sich nur an die Parteigründung der Kommunistische Partei 2024 aus der einen Hälfte der gespaltenen Kommunistischen Organisation (KO)7 nach 6 Jahren gemeinsamer Aufbauarbeit.
Um den Ansatz der KSP zu verstehen, müssen wir ihre Entstehung betrachten.
Die campaigne for a socialist party (CSP) wurde 2016 von Chris Cutrone mit seinem Aufruf "Socialist unity!"8 zunächst in den USA begründet.
Als sich 2018 im universitären Umfeld in Frankfurt am Main (FFM) eine Gruppe enttäuschter Kader aus der Linkspartei, der Platypus Affiliated Society und weiterer linker Gruppen zusammenfand, formierte sich, auch inspiriert durch die CSP, die Kampagne für eine Sozialistische Partei (KSP). Alle einte die Einsicht, dass die Notwendigkeit für den Sozialismus nach wie vor bestehe, allerdings die Praxis der existierenden Parteien nicht mehr überzeuge. Nach der Erarbeitung der Grundsatzerklärung,9 schritt man umgehend zur Tat und initiierte die Mietergewerkschaft in FFM, an deren Aufbau sich auch Nicht-Mitglieder der KSP beteiligten.
Der kontinuierliche Aufbau wurde jäh vom Ausbruch der Coronapandemie, die zivilgesellschaftlichen Aktivismus teilweise unmöglich machte, unterbrochen. Ein harter Kern der KSP überwinterte in der Mietergewerkschaft, in der sie versuchten, trotz der Pandemie, den Aktivismus fortzuführen, während andere Teile der Kampagne einschliefen. 2023 rekonstituierte sich die KSP in FFM und unternimmt seitdem einen zweiten Versuch. Die elf Punkte der Gründungserklärung wurden übernommen und der Kaderstamm, nun bestehend aus Akt-Kader der ersten Generation, Kadern aus anderen Organisationen, die sich der KSP angeschlossen haben und unausgebildeten neuen Interessierten, erneuert. Zwischen der CSP und der KSP besteht ein freundschaftlicher Austausch, jedoch kein organisatorischer Zusammenhang.
Chris Cutrone ist nicht nur Begründer der CSP, sondern auch Mitgründer und führender Kopf des linken Selbstbildungsprojekts The Platypus Affiliated Society (Platypus), das sich 2006 in Chicago gegründet hat und deren Motto lautet: "Die Linke ist tot! Es lebe die Linke!" Für eine umfangreiche Darstellung der Analyse von Platypus ist hier kein Platzt, aber ich werde einige ihrer Kernpunkte unter X. Die Partei, die Partei, die lag leider falsch... noch einmal aufgreifen. Platypus spielt deshalb eine wichtige Rolle, da auch einige führende Kader der KSP aus diesen Strukturen hervorgegangen sind und sich dieser Einfluss im, unter V. Das Primat der Praxis dargelegten, Praxisverständnis zeigt. Dennoch muss betont werden, dass Platypus und die KSP zwei getrennte Projekte sind. Cutrone sagte einmal, man müsse Platypus verlernen, um (wieder) Aktivismus betreiben zu können.
Die KSP rechnet nicht in Jahren oder Legislaturperioden, sondern in Jahrzehnten. Es hat Jahrzehnte gebraucht, die Arbeiterbewegung und die Sozialdemokratie aus dem Boden zu stampfen und es wird erneut Jahrzehnte brauchen, wenn man versucht, etwas nach diesem historischen Vorbild zu schaffen. Ziel ist es zunächst, "die schmerzhafte Abwesenheit einer Sozialistischen Partei hervorzuheben."10 Dabei versteht sich die KSP allerdings nicht als "Propagandagruppe, die revolutionäre Ideen in nicht revolutionären Zeiten am Leben halten will, sondern als eine Kampagne, die eine sozialistische Massenpartei aufbauen will."11 Das bedeutet konkret, durch zivilgesellschaftlichen Aktivismus eine Massenbasis zu schaffen, aus der später einmal eine sozialistische Partei erwachsen kann, die - so steht es zumindest in der Grundsatzerklärung von 2019 - nichts weiter ist "als eine Plattform, um die verschiedenen Kämpfe der Arbeiterklasse zusammenzuführen, zu vermitteln und zu einem politischen Kampf um die Macht zuzuspitzen."12
Um mehr über den das Parteiverständnis der KSP zu erfahren, kann ich ihren Lesekreis "Was ist eine sozialistische Partei", ihre Website,13 ihren Instagram-Account,14 die offene Telegram Gruppe15 sowie die Grundsatzerklärung von 201916 empfehlen.
III. Was macht die KSP?
Die KSP "betreibt zivilgesellschaftlichen Aktivismus jenseits von Staat und Kapital. Sie organisiert Projekte, in denen konkrete Probleme konkret angegangen werden und konkrete Kämpfe geführt werden."17
Konkret stell sich das wie folgt dar.
Es gibt aktive Mitglieder in Frankfurt am Main, Darmstadt, Marburg, Leipzig, Köln, Berlin, München, Freiburg, Bochum, Potsdam, Offenbach, Eisenhüttenstadt, Hannover und Wien. Besondere Schwerpunkte sind hierbei Frankfurt am Main, Leipzig und Berlin sowie zunehmend München, da es dort einerseits etablierte Projekte, wie die Mietergewerkschaft gibt und andererseits Leipzig neben Berlin einer der Hochburgen von Platypus ist. Besonders in Leipzig scheint sich die "2." Generation des KSP-Kaders im Wesentlichen aus den Platypusstrukturen zu speisen.
Projekte, an denen sich KSP-Mitglieder beteiligen, sind zum Beispiel die Mietergewerkschaft in München, die Freie Lernhilfe in Frankfurt am Main und Leipzig sowie die Mitwirkung an der Sanierung eines Basketballplatzes in Leipzig. In der gleichen Stadt soll 2026 auch das lange geplante Restaurantprojekt starten, in dem die KSP versucht, ein von der Zivilgesellschaft betriebenes und genutztes Restaurant zu etablieren. In Berlin gibt es den Versuch Betreuungsinseln zu initiieren und Mitarbeit in der Berliner Mietervereinigung, allerdings stellt die hohe Dichte an gesellschaftlichen Akteuren in Berlin eine Hürde bei der Suche nach geeigneten Projekten dar. Ein KSP-Mitglied hat begonnen auch dort ein Nachhilfeangebot aufzubauen, während sich andere an Müllsammelaktionen oder der Planung eines Restaurantprojekts beteiligen.
Zudem gab es bereits Aktiven-Stammtische in Kooperation mit JL in München und Berlin sowie den Sozialistischen Salon als Austauschort für die Zivilgesellschaft in Leipzig, Frankfurt und Köln, der momentan allerdings nur von anderen linken Gruppen wahrgenommen wird.
Wichtig hierbei anzumerken ist, dass diese Projekte keine "KSP-Projekte" in dem Sinne sind. Die KSP versucht nicht diese Projekte für sich zu reklamieren oder sie dauerhaft unter ihre Kontrolle zu stellen - ganz im Gegenteil.
IV. Die Sache mit dem Sozialismus bei Fabian Lehr
Nachdem die KSP in jüngster Vergangenheit mit ihren Auftritten bei Fabian Lehr, Übertage und Studio Rot oder dem "Lanz der Linken", wie Jean-Phillipe Kindler auf der MV liebevoll genannt wurde, die öffentliche Bildfläche des linken Lagers der BRD betreten hatte, kam es zu verschiedensten Reaktionen.
Zum einen begann unter dem YouTube-Video18 bei Fabian Lehr und der dazugehörigen Ankündigung auf Instagram19 eine Diskussion, ob die sehr offen gehaltene Sozialismus Definition von Odie bei Fabian Lehr ein Ausdruck der theoretischen Schwäche der KSP und einer sehr schwammigen Zielsetzung oder eher Ausdruck ihrer Offenheit und somit Teil ihrer Stärke sei. Auch innerhalb der KSP wurde diese Frage diskutiert, aber ihr, meiner Wahrnehmung nach, nicht so viel Bedeutung beigemessen, wie von Teilen der Zuschauerschaft Fabian Lehrs. Schließlich entstammt diese Frage einem innerlinken Diskurs im Internet und nicht der tatsächlichen Praxis der KSP. Da wir weit davon entfernt sind, die Frage nach dem Sozialismus in der Realität stellen zu können, schien es mir so, als würde man diese Frage, wie es Odie schon bei Lehr ausdrückte, "als Privatvergnügen"20 behandeln.
Zum anderen sorgten die Reaktionen, mutmaßlich aus dem KP-Umfeld, auf den Zeichenzirkel in Darmstadt für Frust über den Zustand der aktuellen Linken.21 Vorwürfe einer akademischen, frivolen und unsozialistischen Praxis häuften sich in der Kommentarspalte, da die betreffenden Personen Kultur wohl hauptsächlich als explizit sozialistische Traditions- und Kulturpflege mit Liedern der Arbeiter:innenbewegung begreifen. Aber auch diese Internetspinnerei wurde mit keinem Programmpunkt auf der MV gewürdigt.
Die intuitive Reaktion jeder linken Gruppe, deren Teil ich bisher war, auf solch eine mediale Reichweite wäre gewesen, sich zu überlegen, wie man darauf aufbauend die mediale Sichtbarkeit weiter erhöhen könnte – nicht so bei der KSP.
In der MV wurde das mediale Auftreten erst einmal einer Generalkritik unterzogen. Nachdem man sich recht schnell darauf geeinigt hatte, dass es weder einen Fokus auf Öffentlichkeitsarbeit in linken Medien, noch eine komplette Einstellung jeder öffentlichkeitswirksamen Arbeit geben solle, verblieb man vorerst bei dem Kompromiss, den Instagram-Account weiter zu betreiben.
Was auf den ersten Blick etwas irritierend, aber wenig beachtenswert wirkt, gewinnt schnell an Bedeutung, wenn man von den vorgetragenen Positionen auf das grundsätzliche Verhältnis der KSP zu Öffentlichkeitsarbeit schließt. Zum einen wurde mit der Parole "wir wollen gesehen und nicht gehört werden", die eindeutige Positionierung sichtbar, die sich auch hier vollkommen auf die Praxis konzentriert. Gesehen zu werden meint hier, den Menschen in der Praxis zu begegnen, statt nur online von Menschen, die zu 99% nicht Teil der zivilgesellschaftlichen Projekte sind, gehört zu werden. Zum anderen wurde deutlich, dass man die Auftritte und die Öffentlichkeitsarbeit generell zwar nicht bereue, aber dass durch ein Herunterfahren Kapazitäten frei werden, die jetzt wieder in die Projekte gesteckt werden können. Ohnehin würde man erst wieder medial auftreten, wenn man etwas Neues zu berichten habe. Der jetzige Stand der KSP sei auserzählt und zu Themen, die die Praxis nicht betreffen, positioniere man sich als Organisation sowieso nicht. Uneinigkeit gab es darüber, ob man den konkreten Praxisprojekten bei Auftritten mehr Raum hätte geben können bzw. müssen. Das ist zumindest der vorläufige Stand der Debatte, die allerdings weitergeführt wird.
Dieses Verhältnis zur Öffentlichkeitsarbeit ist aber auch noch auf einer weiteren, höheren Ebene interessant. Zum einen begünstigt sie langfristig die Herausbildung einer eigenen Öffentlichkeit der einzelnen Projekte. Ich erinnere hierbei an die vielen Zeitungen zur Hochzeit der Arbeiterbewegung. Andererseits schützt sie die KSP davor, in ein Kampagnen- oder reines Agitpropprojekt zu degenerieren. Die tatsächliche Organisierung scheint somit zumindest vorerst die unangefochtene Vorherrschaft über Ansätze wie "das bessere Argument wird sich auf dem Marktplatz der Ideen schon durchsetzen, wir müssen es nur laut genug schreien" oder "wir müssen die 'dummen' Arbeiter nur bilden" zu behalten. Das Risiko eines Abgleitens in einen derartigen Idealismus scheint mir ohnehin nahezu bei null zu liegen.
Dass die KSP sich nicht zu Themen positioniert, die sie mit ihrer Praxis zum jetztigen Zeitpunkt nicht beeinflussen kann und etwaigige Positionen anderer Akteure für sie kein relevantes Kriterium für Kontakt oder praktische Zusammenarbeit sind, ruft unterschiedliche Reaktionen hervor. So wurde etwa auf der MV berichtet, dass eine SDS-Ortsgruppe auf die Einladung zu einem von der KSP organisierten Stammtisch zu kommen, erstmal wissen wollte, wie sich die Organisation zu Nahost positioniert. Diese Abstinenz vom Positionierungswahn der klassischen Linken lässt sich im Rahmen dieses Berichts vorerst nicht in der Tiefe behandeln, die ich für durchaus notwendig und interessant halte.
V. Das Primat der Praxis
Praxis und vor allem Organizing haben in den letzten Jahren eine regelrechte Blüte in der deutschen Linken erlebt. Nach dem Scheitern der größtenteils auf Mobilizing aufgebauten Umwelt- und Klimaschutzbewegung um Fridays For Future und den Grünen gegen Ende der 2010er-Jahre, gab es einen Schwenk mit dem erklärten Ziel, sich in der "Klasse" zu verankern. Während "Die Linke hilft",22 fragt sich Marx21, was es heißt, eine "organisierende Massenpartei" mit "sozialistischen Mandaten" zu sein, gemeint ist auch hier die Partei Die LINKE mit Nam Duy Nguyen Wahlerfolgen im Leipziger Haustürwahlkampf. Die KSP geht einen anderen Weg.
Zum einen möchte sie die Menschen organisieren, um sie zu emanzipieren. Es geht nicht darum, sich die Massen treu zu erziehen oder sie zu vertreten, sondern sie in eine Lage zu versetzen, in der sie zum handelnden Subjekt werden und sich dann, aber erst dann, ggf. selbst eine Vertretung geben können. Allein dieses Parteiverständnis lässt nur ein Primat der Praxis, in diesem Fall des zivilgesellschaftlichen Aktivismus zu.
Die KSP will dabei weder Charity betreiben noch Dienstleister sein, weder bürgerlicher Wahlverein noch K-Gruppe und schon gar nicht kurzfristiges Kampagnenprojekt. Die KSP ist weder Kampagne nach dem Verständnis der heutigen Linken, noch Partei. Sie ist der Versuch die Notwendigkeit für sowie das Bedürfnis nach einer Partei zu ergründen und diese ggf. zu ermöglichen.
Somit wird auch die Nichtpositionierung, vor dem Eingeständnis der eignen Bedeutungslosigkeit und Handlungsunfähigkeit, von der die tote Linke weit entfernt ist, verständlicher. Die Bedeutungslosigkeit führe ich unter VII. "Sollten wir uns einfach auflösen?" weiter aus.
Aber auch das hat Vorteile, da man sich so ganz in Ruhe auf die Praxis konzentrieren kann. Während Demonstrationen in Großstädten größtenteils zu "Partys" verkommen sind, bedeutet der Aktivismus der KSP, sich mit teils auch unangenehmer Arbeit aus der "Scheiße rauszuarbeiten", so ein Mitglied auf der MV.
Auf folgende Grundsätze wurde dabei wiederholt Bezug genommen:
Projekte müssen politisch und organisatorisch unabhängig, langfristig und sinnvoll, also gesellschaftlich nützlich, sein.
Es gibt keine "KSP-Projekte", denn die Projekte sind unabhängig von Staat, Kapital und auch der KSP selbst aufzubauen. Die KSP ist lediglich eine Austauschplattform.
Was die KSP als Organisation betrifft gilt: "So viel wie nötig, so wenig wie möglich."
99% der Arbeit findet in den Projekten statt. 1% ist die KSP. "Die KSP macht nichts, was nicht die einzelnen Mitglieder machen."
Die Projekte und die KSP stehen allen Menschen offen, die sich konstruktiv an ihnen beteiligen möchten.
An dieser "harten" Definition von Praxis wird klar, wie ernst es die KSP meint. Und obwohl sie damit vielen anderen Zusammenschlüssen, die Organizing betreiben wollen, voraus ist, erfüllt sie damit noch lange nicht ihren Anspruch. Es wurde immer wieder dafür plädiert die Praxisquote zu erhöhen und zu hinterfragen, was überhaupt alles als Praxis zählt, wie zum Beispiel der Sozialistische Salon.
Der Workshop am Vormittag, welcher sich ausschließlich mit der Praxis befasste, lässt sich schwer zusammenfassen, da es mehrere parallele Gruppen gab, es oft um sehr spezifische Probleme oder Fragen ging und mir schlicht und ergreifend der Einblick in die Projekte vor Ort fehlt, um das Gesagte angemessen einordnen und wiedergeben zu können. Die besprochenen Themen fanden sich später allerdings recht deutlich in den Diskussionen auf der MV wieder und finden so ihren Weg in diesen Bericht. Weitere Debatten über die Praxis führt die KSP in ihrem Newsletter.23 So wird beispielsweise im Artikel "Propaganda über Projekte. Eine Antwort auf einen Beitrag im letzten Newsletter"24 von Dennis Graemer die Frage nach der Rekrutierung aus den Projekten behandelt.
Ich hoffe, dass ich nachvollziehbar darlegen konnte, dass es sich bei der Praxis der KSP nicht um das Aufspringen auf einen Trend handelt, um ein paar Mitglieder, Gelder oder Stimmen zu gewinnen, sondern um das ehrliche Ziel der Organisierung der Massen abseits von Staat und Kapital.
Passend dazu wurde das Abendessen von einem solidarischen Pizzakollektiv bereitgestellt.
VI. Von der (Nicht-)Identität der Praxis
Wer in der Linkspartei oder einer ihrer vielen Vorfeld und Teilorganisationen aktiv ist, wird sich mit Sicherheit fragen, warum die Mitglieder der KSP ihr Engagement nicht dort einbringen. Ähnlich mag es Mitgliedern von K-Gruppen oder kommunistischen Kleinstparteien gehen.
Auf der MV wurde deutlich, dass die KSP in ihrer Praxis drei zentralen Prämissen gerecht zu werden versucht. Der begrenzte Umfang dieses Berichts verbietet eine ausführliche Erläuterung der Prämissen.
1. Die Linke als handlungsfähiges Subjekt in der Geschichte ist tot.
Angesichts der Abwesenheit einer Linken, bei gleichzeitigem Kampf gegen ihre letzten Überreste, die als Geister - es geht doch ein Gespenst des Kommunismus um, allerdings anders als erhofft - die politische Landschaft durchstreifen, ist der einzig sinnvolle Weg, den Versuch zu unternehmen, die Gesellschaft erneut zu organisieren. Nur so kann ein Potenzial für eine handlungsfähige und wirkmächtige Linke geschaffen werden. Die Hinwendung zum zivilgesellschaftlichen Aktivismus erscheint vor diesem Hintergrund nur logisch.
2. Das Problem der Identität von Hegel bis Adorno
Um die Widersprüche über sich hinaus zu treiben, braucht es eine Praxis, die der Welt so wenig Gewalt wie möglich antut. Mit Gewalt ist hierbei weder eine moralische Kategorie noch die alltagssprachliche interpersonelle oder staatliche noch strukturelle Gewalt gemeint. Gewalt geschieht im Moment der Begriffsbildung, die das reale Sein einer Sache einem abstrakten Begriff des Geistes unterwirft. Dieser Prozess erzeugt dann eben jene Widersprüche, die über sich hinausweisen. Je geringer die Identität, also die Übereinstimmung von Praxis und gesellschaftlich etablierter Gewalt ist, desto größer der Freiraum, um die auftretenden Widersprüche voranzutreiben. Eine Praxis oder Theorie der Nicht-Identität ist in einer existierenden Gesellschaft nicht möglich, da man selbst Teil bestehender Verhältnisse ist und auf ihnen aufbaut. Ob der zivilgesellschaftliche Aktivismus das beste Mittel, also die Praxis mit der größtmöglichen Nicht-Identität ist, lässt sich zum jetzigen Zeitpunkt nicht bestimmen. Diese Form der Praxis vermeidet allerdings, in tote Organisationen hinein zu organisieren und verhindert so zumindest die Reproduktion dieses Fehlers.
3. Der Regress von der Wissenschaft zur Utopie
In ihrem Regress hat die Linke vier verbreitete Spielformen:
a) den identitären Bezug auf den Marxismus, oft in verschiedenen Formen des Vulgärmarxismus,
b) den Linksliberalismus,
c) den Aktionismus und
d) die Degeneration zur Utopie, der hin und wieder sogar in dem Versuch mündet, die neue Gesellschaft oder auch nur ihre Organisationen am Reißbrett zu entwerfen.
Da, wie mir scheint, bei der KSP weder ein blinder (Kampagnen-)Aktionismus, noch ein an den Staat appellierender Linksliberalismus oder gar ein „revolutionslarpender“ identitärer Marxismus vorliegt, kann sie sich momentan noch gegen derartige Tendenzen schützen. Eine Gesellschaft am Reißbrett entwirft sie ohnehin nicht. Das fehlende Vollprogram oder vage Annährungen an eine Sozialismusdefinition werden ihr, wie unter IV. Die Sache mit dem Sozialismus bei Fabian Lehr beschrieben, hin und wieder vorgeworfen. In "Anatomie einer Mikrosekte", einem Text aus dem KSP-Lesekreis "Was ist eine sozialistische Partei?", schreibt Hal Draper 1973:
"Was die klassische Sekte charakterisiert, hat Marx selbst am besten definiert: Sie stellt ihr sektiererisches Auswahlkriterium von Programmpunkten der realen Bewegung der Arbeiter im Klassenkampf gegenüber, wodurch diese Bewegung ihren hohen Ansprüchen nicht gewachsen sein kann. Der Prüfstein für die Unterstützung (der point d’honneur in den Worten von Marx) ist die Übereinstimmung mit den aktuellen Losungen der Sekte – was auch immer diese sein mögen, einschließlich der an sich guten programmatischen Punkte. Der Ansatz, den Marx verfolgte, war ein ganz anderer: Ohne die eigene programmatische Politik auch nur im Geringsten aufzugeben oder zu verbergen, schaut der echte Marxist auf die Konfliktlinien, die dazu führen können, maßgebliche Teile der Klasse in Aktion zu versetzen – in Bewegung gegen die etablierten Mächte des Systems (d.h. Staat und Bourgeoisie sowie ihre Agenten, einschließlich ihrer gewerkschaftlichen Handlanger innerhalb der Arbeiterbewegung). Und für Marx ist es diese Realität des sozialen (Klassen-)Konflikts, die das Bewusstsein der Klasse schließlich auf die Ebene des Programms der sozialistischen Bewegung heben wird. Einen kämpfenden Teil der Klasse nur einen Schritt gegen die etablierten Mächte in Bewegung zu setzen, ist wichtiger als ‘tausend Programme’, pflegten Marx und Engels zu betonen, und es hat keinen Sinn, diesen kämpfenden Teil zu verdammen, weil er eine bestimmte programmatische Politik ablehnt."25
Weiter kann ich im Rahmen dieses Berichts leider nicht auf die Positionierungsfrage eingehen.
VII. "Sollten wir uns einfach auflösen?"
Diese Frage stellte der abtretende Vorsitzende in seiner Eröffnungsrede. Was schlimmstenfalls depressiv und absurd, bestenfalls wie ein kleines Späßchen klingt, war eine todernst gemeinte Frage. Nicht weil man einem Verbot zuvorkommen wollte, nicht weil man gescheitert sei und nur noch aus fünf Personen bestehe, sondern weil man sich der eigenen Überflüssigkeit vollends bewusst ist. Diese Demut ist bemerkenswert und einzigartig. Keine andere Organisation der toten Linken kann zum jetzigen Zeitpunkt eine derartige Ehrlichkeit von sich behaupten.
Das Bewusstsein darüber, dass die Projekte 99% der Arbeit ausmachen, dass die Organisierung alles ist und die KSP so gut wie nichts, ist derartig stark ausgeprägt, dass es in einer Situation beinahe die MV "gesprengt" hätte.
Nach der Verabschiedung der Tagesordnung merkte man im späteren Verlauf, dass es sehr viel Bedarf gab, über die Praxis zu sprechen und die Workshops am Vormittag dieses Bedürfnis nicht vollumfänglich befriedigt hatten. So kam es, dass ein Genosse vorschlug, die Besprechung der Anträge in Gänze damit zu übergehen, sie einfach in einer Abstimmung gemeinsam als nicht angenommen zu betrachten, ohne weiter auf sie einzugehen. Auch wenn das Bedürfnis nach mehr Austausch von vielen geteilt wurde, sorgte dieser Vorschlag für Unmut, denn schließlich hatte man sich nicht ohne Grund eine Tagesordnung gegeben. Ziel ist es natürlich nicht, sich wie ein kapitalistischer Wahlverein im endlosen spielen innerparteilicher Demokratie zu verlieren, aber eine gewisse Struktur und demokratische Kultur bzw. Gepflogenheiten innerhalb eines Verbandes erfüllen durchaus eine wichtige Funktion. Der Vorschlag wurde abgelehnt und weiter nach Tagesordnung verfahren. Lustigerweise hätte die Annahme des Vorschlags nichts am Ergebnis geändert, da von den fünf Anträgen drei zurückgezogen und die anderen zwei abgelehnt wurden. Darüber hinaus wird es wohl ein Debattenwochenende geben, um den Stand der Praxis weiter zu reflektieren.
Die Realitätsnähe und der Pragmatismus der KSP zeigten sich erneut, als es um die Wahl der Regionalkoordinator:innen ging, die für einen bestimmten geografischen Bereich verantwortlich sind. Da die KSP nicht in allen Bundesländern aktiv ist, sorgte es für Gelächter, als gefragt wurde, wer sich denn um dieses oder jenes Bundesland kümmere, in dem die KSP allerdings gar nicht existiert. Dies wurde mit liebevoller, offener Polemik ad absurdum geführt, als sich weitere Genossen "anschlossen" und begannen zu fragen, wer sich denn um die Beneluxstaaten, Skandinavien, das Baltikum oder Ostpreußen kümmere.
Mit dieser Anekdote möchte ich nur noch einmal verdeutlichen, welches Verständnis von "Organisation" die KSP hat und dass diese keineswegs ein Selbstzweck ist.
Während die KP, polemisch gesprochen, versucht die KPD und den RFB zu cosplayen oder die Revolution zu larpen, kann man bei der KSP die Entstehung der Arbeiterbewegung in Form der Organisierung der Gesellschaft "nachspielen".
Um aber auf eine gewisse Ernsthaftigkeit zurückzukommen, muss ich am Ende dieses dritten Teils meines Berichts feststellen, dass ich bisher nirgendswo sonst einen derart radikalen Minimalismus aus der konsequenten Umsetzung des Primats der Praxis erlebt habe. Hier scheint undogmatischer Pragmatismus zu regieren.
VIII. Die Probleme
Wir befinden uns in einer denkbar schlechten Lage und dennoch versucht die KSP, in vollem Bewusstsein über jene Misere, eine sinnvolle Aktivität zu finden. Das ist ihr zweifelsohne hoch anzurechnen. Allerdings ist auch die KSP ein Kind ihrer Zeit und Ausdruck einer spezifischen historischen Situation. Aus dem bisher unternommenen Versuch einer Annährungen an das Wesen der KSP sowie aus meinen Erfahrungen auf der MV, konnte ich meiner Meinung nach fünf (potentielle) Probleme identifizieren, die ich hier von abstrakt und weit entfernt, nach konkret und in absehbarer Zukunft relevant geordnet habe.
1. Das freiheitliche Moment
Allein, dass ich mir über solch einen "philosophischen Quatsch", wie ich ihn früher verstanden hätte, im Zuge einer Auseinandersetzung mit einer politischen Organisation Gedanken mache, hat mir meinen eigenen starken Wandel der letzten Monate vor Augen geführt. Der Hauptlesekreis von Platypus im Wintersemester ist an verschiedenen Stellen auf dieses Moment der Freiheit eingegangen. Da dieser Bericht nicht der Ort ist, an dem man diesem Problem angemessen gerecht werden kann, verkürze ich die Problembeschreibung auf folgende drei Sätze.
Die KSP läuft, wie jede andere Organisation auch, Gefahr ihr freiheitliches, ihr kritisches Moment und somit ihr Potenzial zu verlieren. Ihr junges Alter und das Bewusstsein über diese Gefahr erkaufen ihr jedoch, unter der Annahme, dass dieses Potenzial zur Freiheit in ihrer Gründung angelegt ist, Zeit. Das scheint mir wesentlich mehr zu sein, als die meisten anderen Organisationen von sich behaupten können.
2. Die KSP ist gleichzeitig Teil und nicht-Teil der Linken
Gehören wir selbst zur toten Linken? Diese Frage muss sich die KSP stellen und das tut sie auch. Die Antwort lautet, dass es momentan noch keine Beweise dafür gibt, dass die KSP nicht auch Teil der Leiche ist und darüber herrscht auch ein breites Bewusstsein in der Organisation. Doch ich bin nicht umhingekommen dennoch einen gewissen Abgrenzungsdrang zur toten Linken wahrzunehmen. Sich von ihr abzugrenzen, auch um den eigenen politischen Versuch zu legitimieren, ist nur allzu verständlich, aber es drängt sich die Frage auf, was das langfristig für die KSP bedeuten könnte. Auch wenn die KSP sich gerne aus der toten Linken emanzipieren würde, so ist sie doch noch ein Teil von ihr. Selbst wenn sie es schafft, ist nicht auszuschließen, dass auch Teile der toten Linken an gesellschaftlicher Relevanz und Stärke gewinnen könnten und so neben der KSP zu einem wichtigen Faktor werden. Was ich hier beschreibe entspricht natürlich keineswegs der gegenwärtigen Situation. Ich will damit auf etwas ganz Bestimmtes hinaus.
Was ist, wenn es eines Tages politisch sinnvoll oder notwendig sein könnte, ein Bündnis mit Marx21, der Kommunistischen Partei (KP) oder dem linken Flügel der Linkspartei einzugehen. Was ist, wenn man in eine Situation kommt, die reif ist, aber eine, vielleicht auch von den Massen geforderte, Zusammenarbeit notwendig? Wie wird sich ein Kader einer Organisation verhalten, der über Jahrzehnte gelernt hat, sich von der toten Linken abzugrenzen, sich vielleicht überhaupt nicht mehr als Teil der Linken sieht? Wird die eigene politische Analyse stark genug sein, um diesen identitären Bezug zum "Nicht-Linkssein" zu überwinden? Dass das bei den fähigsten Kadern der Fall sein wird, darum mache ich mir keine Sorge, aber wird es bei allen so sein?
Diese Frage ist aktuell nicht zu beantworten. Ich möchte hier nur davor warnen eine "Kultur" in der Organisation zu etablieren, die ihr informelles Selbstverständnis in der identitären Ablehnung statt der theoretischen Kritik der toten Linken findet. Die äußerst amüsante und oft angemessene Polemik gegen die deutsche Linke birgt die Gefahr, identitär zu werden. Aktuell scheint dies noch kein Problem zu sein, allerdings kann es auch nicht schaden, sich dieses Risiko frühzeitig ins gemeinsame Bewusstsein zu rufen.
3. Die unzureichende Professionalität
Während ich von der Grünen Jugend, von Junge Linke und anderen Organisationen eine gewisse Professionalität gewohnt war, stellte sich mir bei der KSP ein anderes Bild dar. Es ist nur folgerichtig, dass eine Organisation, die Wert darauflegt, dass fast jede Aktivität außerhalb der Organisation stattfindet, bei der Organisationsentwicklung und Professionalität etwas ins Hintertreffen gerät. Das junge Alter der KSP relativiert diesen Umstand, doch die Notwendigkeit für ein gewisses Maß an Organisationsentwicklung wurde mehr als deutlich bei der Ausübung von Verwaltungs- und Koordinationsaufgaben. Aus gebotener Diskretion werde ich keine weiteren Details hier niederschreiben. Ein weiterer Umstand, den es allerdings in voller Offenheit frontal anzusprechen gilt, ist der Diskussionsstil. Dabei geht es mir keinesfalls um ein respektvolles Miteinander, das zu jeder Zeit gegeben war, sondern um ein gewisses Maß an Disziplin. Die bereits unter VII. "Sollten wir uns einfach auflösen?" angesprochener Intervention gegen die Tagesordnung und auch einige Kommentare und unangemeldete Einwürfe während der Diskussionen empfand ich teilweise als hinderlich für einen produktiven Austausch. Auch wenn dies nur einen kleinen Teil betraf, so Bedarf es meines Erachtens nach einer gewissen Diskussionsdisziplin, um sich nicht selbst im Weg zu stehen. Dass eine Professionalisierung kein Schalter ist, den man umlegen kann, sollte klar sein und so benötigte es auch in der Grüne Jugend und bei Junge Linke verschiedene Schritte, Prozesse und Entwicklungen, um das von mir gewohnte Niveau zu erreichen und auch das hatte auf anderer Ebene seinen Preis. Daher bin ich gespannt, wie die KSP damit umgehen wird und welche Entwicklungsschritte in den nächsten Jahren vor ihr stehen werden.
4. Das Durchhaltevermögen
Ein so junges Projekt muss sich über die Zeit bewähren. Damit die Organisation eine gewisse Stabilität erreicht und sich somit überhaupt erst als politischer Akteur etabliert, muss man mit der eigenen Arbeit in Vorkasse gehen. Dieses Anfangsstadium des ständigen drohenden Burnouts der motiviertesten und fähigsten Kader, gilt es schnellstmöglich zu überwinden. Angesichts der realistischen Perspektive der KSP, die ein Denken im Zeitraum mehrere Jahrzehnte fordert, ist es noch einmal schwieriger diese große Investition an Lebenszeit im Vorhinein zu riskieren. Bei solch großen Zeitspannen kann es sein, dass man trotz grandiosen Erfolgs der eigenen Arbeit, ihre tatsächlichen Früchte nicht mehr zu Gesicht bekommt.26 Die Welt, die wir vorfinden, erhöht den Schwierigkeitsgrad zudem. Während die aktuelle Linke darauf bedacht ist, durch Kampagnen kurzfristige Hypes und Erfolgsmomente zu erzeugen - man schaue sich das Beispiel Widersetzen27 an, die aus einer zweistündigen Verzögerung eines Parteitags einen wichtigen Schlag gegen den Faschismus konstruieren: was ein Sieg der Freiheit - hat die Kampagne einen ernsthafteren Anspruch. Dieser erfordert allerdings ein gegenwärtig in der Linken wenig verbreitetes Durchhaltevermögen. Es wurde auf der Mitgliederversammlung immer wieder davon gesprochen, dass man sich "mühsam aus der Scheiße arbeiten" müsse. Die Demos, die viele in ihrer Sozialisation miterlebt haben, waren, vor allem in den Großstädten, mehr Party als tatsächliche Arbeit, von der Sinnhaftigkeit dieser Praxis ganz zu schweigen.
Eine Sache wurde klar: der Kardinalsfehler der Linken war stehts ihre eigene Schwäche. Wir müssen diese Schwäche überkommen und dürfen ihr nicht erneut zum Opfer fallen. Das bezieht sich nicht nur auf das Ziel des Sozialismus, an dem sich am Ende alles messen lassen muss, sondern besonders auf den gesamten Weg davor. Noch bevor die Massen die soziale Revolution durchführen, noch bevor sie vor der konkreten Frage ihrer eigenen Stärke stehen, begleitet sie dauerhaft die Gewissheit der eigenen Schwäche, die erst widerlegt wird, wenn sie die Staatsgewalt erobert haben. Dazu muss allerdings ein Umgang mit der eigenen Motivation, dem eigenen Durchhaltevermögen gefunden werden, der
a) die gegenwärtige Handlungsunfähigkeit nicht negiert,
b) nicht in Träumerei und Utopismus einer besseren Welt regrediert,
c) das kritische Verhältnis zur eigenen Organisation nicht untergräbt und
d) dabei auch noch tauglich ist, von einem heterogenen Kader aus den verschiedensten Bereichen der Gesellschaft angenommen zu werden.
Das Motivationsproblem, könnte auch durch eine Vereinskultur abgemildert werden. Darüber wurde auch kurz debattiert, denn einerseits hat die KSP den Anspruch 99% in die Projekte zu investieren, aber andererseits scheint zumindest eine gewisse Form der Identifikation notwendig. Auf die Probleme, welche durch die fehlende Identifikation verursacht werden, gehe ich im letzten Abschnitt dieses Kapitels und im nächsten Kapitel näher ein. Aber so viel sei schon einmal gesagt, die Frage nach Verbandskultur und Identifikation könnte sowohl das Motivationsproblem, als auch das Problem mit der Jugend mildern.
Eine lebendige Vereinskultur und das Primat der Praxis stehen keinesfalls im Widerspruch. Will man dem Anspruch gerecht werden oder bleiben, so bietet es sich an, die Vereinskultur direkt an bzw. um die Projekte herum zu gründen. So könnte zwar ein Konflikt mit dem Grundsatz der Projektunabhängigkeit entstehen, allerdings würde dies eine praxistaugliche und politisch sinnvolle Alternative darstellen. Die Kader einer Region hätten so die Möglichkeit ihr Netzwerk und ihre Kultur an die Gegebenheiten und ihr eigenes Leben angepasst auszubauen, anstatt deutschlandweit nach Schema F vorzugehen, ungeachtet der regionalen und persönlichen Unterschiede. Die KSP bliebe somit Austauschplattform und Bezugspunkt, jedoch ohne eine eigene überregionale homogene Organisationskultur. Da momentan sowieso keine Massen in der KSP organisiert sind, die das Bedürfnis nach einer überregionalen Kultur zum Ausdruck bringen könnten, wäre dies vielleicht ein guter Kompromiss, um die Zeit zu überbrücken, bis ein reales Bedürfnis der organisatorischen, politischen und "kulturellen" Vereinigung oder des Austauschs bei den Massen und nicht nur den Kadern zu Tage tritt.
Eine weitergehende Konzipierung, gerade mit dem Blick auf die Massen, scheint mir angesichts der gegenwärtigen politischen Bedeutungslosigkeit unsinnig und wird der historischen Kontingenz nicht gerecht. Bei allen theoretischen Überlegungen sollte man sich nicht dazu verleiten lassen, die Revolution oder den Sozialismus am Reißbrett zu entwerfen. Diesen Eindruck bekommt man im bisher einzigen mir bekannten Bildungsangebot der KSP, dem Lesekreis zur Frage "Was ist eine sozialistische Partei?", glücklicherweise ganz und gar nicht.
5. Die KSP ist unattraktiv für junge (bauch-)linke Menschen.
Während die Linkspartei einen beispiellosen Zustrom an jungen Menschen erlebt hat, scheint sich diese Euphorie des politischen Aktivismus, der zuletzt vor allem die Jüngsten erfasst hat, bisher nicht in der Demografie der KSP zu zeigen. Nur eine weitere Person außer mir schien jünger als 25 zu sein. Niemand studiert mehr im Bachelor. Fast alle haben ihre betriebliche oder universitäre Ausbildung bereits abgeschlossen. Die revolutionäre Jugend sucht man hier vergebens und das liegt vorrangig am Wesen der KSP. Wer seinen Aktivismus nicht zur Grundlage seiner Identität macht und von abenteuerlichen Aktivitäten wie vermummten Demonstrationen inklusive Pyrotechnik, aktionistischen Bannerdrops oder auch nur einem gemeinsamen breitenwirksamen Auftreten, das mehr auf Sichtbarkeit als auch auf Handlungsfähigkeit bedacht ist, absieht, hat es schwer bei der Jugend.
Die Jugend will Pseudopraxis, die KSP eine ernsthafte Chance.
Was der KSP auf der einen Seite ihre einzigartige Stärke verleiht, könnte ihr auf der anderen Seite teuer zu stehen kommen. Die fehlende Repräsentation der Jugend in der KSP könnte schwerwiegende Folgen nach sich ziehen, wie die fehlende Ausbildung einer neuen Generation von Kadern oder einer allgemeinen, sich verstärkenden Unzugänglichkeit der KSP für Jugendliche, da sich diese verständlicherweise lieber mit ihren Altersgenossen organisieren.
Da mich dieses Problem, als Teil der möglichen Zielgruppe und Mitglied bei Junge Linke, die Kontakte zur KSP pflegt, als einziges direkt betrifft, werde ich mich ihm im nächsten Kapitel noch einmal genauer widmen.
Zum Abschluss dieses Kapitels lässt sich eines sagen: wenn es etwas gibt, wovor ich keine Sorge habe, dann dass sich die KSP zu wenig Gedanken über sich selber macht und das bisher bemerkenswerterweise scheinbar ohne sich dabei zu lähmen, zu zerfleischen oder ihre Handlungsfähigkeit in signifikanter Weise einzubüßen.
IX. Hängt die Parteifahnen raus!
Die, als fünftes Problem aufgeführte, fehlende Identifikationsmöglichkeit mit der KSP ist ein Problem, dem ich mich in diesem Bericht noch einmal, in gebotener Kürze, etwas genauer widmen möchte. Soziale Zusammenhänge, besonders jene, die auf einer gemeinsamen Weltanschauung beruhen, haben oft ein hohes Identifikationspotenzial. Ob es nun klar abgegrenzte Organisationen wie Parteien, lose Zusammenhänge von politisch Gleichgesinnten oder große Bewegungen sind, sie alle haben ihre Codes, Symbole und Farben. Die grünen Banner und Sticker der Klimaschutzbewegung, die roten Schlauchschals und Kufiyas der Genoss:innen oder die Regenbogenpins an Jacken und Rucksäcken, machen es problemlos möglich, die eigene Zugehörigkeit und Position zu zeigen oder sie sogar zu einem Teil der eigenen Identität werden zu lassen. Doch wie ist so etwas möglich in einer Organisation, die keine eigene Aktivität als Organisation hat? Wie ist so etwas möglich in einer Organisation, die außer ihrem Grundsatzprogramm keine bundesweiten Positionen hat? Wie ist so etwas möglich in einer Organisation, die mehr Austauschplattform als Verein ist und abseits fast jeglicher etablierten linken Parteien, Vereinen oder Bewegungen steht? Richtig, so gut wie gar nicht.
Es gibt keine bundesweiten Kampagnen oder Demos, keine Lieder und keine Symbole. Wie soll ich mich in einer Welt, in der die Mehrheit der toten Linken einem dauerhaften Positionierungswahn unterliegen und der Moralismus eine nahezu unangefochtene Vormachtstellung besitzt, mit einer Organisation ohne Sticker, ohne Merch und ohne Position zu Nahost identifizieren? Die Abstinenz vom Positionierungswahn, der auf vielen Ebenen eine Stärke sein mag, fällt der KSP bei der Rekrutierung junger, motivierter Kader, wie sie gerade zuhauf in K-Gruppen, in die Linkspartei oder andere linke Organisationen strömen, auf die Füße. Die KSP ist nun einmal nicht der queere Süßmausverein, der nur aus Studis besteht, die alle in diesem Jahrtausend geboren sind und das ist auch gut so. Das fortgeschrittenere Alter der Mitglieder (Anfang 30 bis Anfang 40) birgt nämlich einen erheblichen Erfahrungsschatz. Die KSP möchte neben gesellschaftliche Engagierten und gefühlslinken Menschen auch desillusionierte Linke ansprechen. Zum jetzigen Zeitpunkt besteht ihr Kaderstamm hauptsächlich aus den Enttäuschten der letzten Generation der deutschen Linken. Sowohl der Erfahrungsreichtum als auch die Enttäuschung kommen aber erst in einem gewissen Alter. Während die Linke der DACH-Region jungen Menschen falsche Hoffnungen bis falsche Versprechen macht, treffen sich in der KSP diejenigen, die nicht mehr im Sturm und Drang ins Abenteuer wollen, sondern die durch die bittere Einsicht in die Notwendigkeit des Sozialismus nicht von der Arbeit, nicht für den Kampf dafür ablassen können.
Damit überzeugt man keine stürmende Jugend, aber man führt sie auch nicht in die Irre. Notwendig wäre eine Jugendorganisation, die ihren Mitgliedern ein Verbandsleben und Identifikationspotenzial bietet, sie schulen und vernetzen kann, aber ohne sie dabei in die bestehende Linke zu integrieren oder zu verlieren. Ob eine anders ausgerichtete Junge Linke etwas Derartiges leisten könnte ist fraglich und an anderer Stelle zu erörtern. Die KSP scheint einerseits zum jetzigen Zeitpunkt nicht die Ressourcen zu besitzen, um einen eigenen Jugendverband aufzubauen, aber sollte andererseits sich nicht selbst sabotieren, indem sie zu Gunsten eines möglichen Jugendverbandes ihr Primat der Praxis über Bord wirft. Wo zwischen einzelnen Mitgliedern Formen der Genossenschaftlichkeit außerhalb der Praxis bestehen oder sich noch entwickeln, kann diesen nachgegangen werden. Die Schwäche der eigenen Bewegung im Konflikt mit dem Traum alles gleichzeitig machen zu wollen, darf nicht abermals seine verhängnisvollen Folgen entfalten. Angesichts der Einigkeit über die Parole "so viel Organisation wie nötig, aber so wenig wie möglich", bin ich guter Dinge.
Ein möglicher Ausweg könnte eben auch eine regionale Kultur als Identifikationspunkt abseits der toten Linken, wie unter VIII. Die Probleme bei 4. Das Durchhaltevermögen beschrieben, sein. Der Umgang mit dem ganzen Komplex der Verbandsentwicklung, Verbandskultur und Reproduktion sowie Rekrutierung wird im Konflikt mit dem Primat der Praxis wohl eines der spannendsten Probleme der KSP bleiben.
X. Die Partei, die Partei, die lag leider falsch...
Bereits Lenin verkündete am 07.03.1918 vor dem Zentralkomitee der KPDSU: "Das ist eine Lehre, denn es ist eine absolute Wahrheit, dass wir ohne eine deutsche Revolution verloren sind."28 Auch wenn er sich damals konkret auf die Deutsche Revolution im Kontext des zu beendenden 1. Weltkriegs, nach dem Verrat der 2. Internationale durch die SPD bezog, hätte er in der Retrospektive nicht simpler und doch präziser das Schicksal der gesamten sozialistischen Bewegung voraussagen können.
Die Sozialist:innen sagen sogar ihren eigenen Untergang korrekt voraus.
Als Mitglied von Junge Linke wurde ich durch den Kontakt zur Bildungsarbeit von Platypus in den letzten Monaten stark geprägt. Obwohl ich erst eine grobe Ahnung dessen habe, was Platypus mir zu sagen versucht, merke ich doch, wie stark es sich bereits auf meine Weltanschauung ausgewirkt hat.
2026 müssen wir der Wahrheit ins Auge blicken, dass wir der Revolution seit 100 Jahren keinen Schritt nähergekommen sind und dass der Zustand der sozialistischen Bewegung im Mutterland der Sozialdemokratie erbärmlich ist. Während die Linkspartei das System affirmiert und verzweifelt versucht, besonders beim Streit um Palästina, alle in der Partei verbliebenen revolutionären Kräfte abzustoßen, wenden sich die Massen in der größten Krise des Kapitalismus, mindestens seit den 1970ern, der Reaktion zu. Zudem blickt die autonome Szene und Teile der aktionistisch ausgerichteten Linken auf den Scherbenhaufen ihrer als Antifaschismus verstandenen Praxis oder versuchen auf Biegen und Brechen das eigene Scheitern hinter immer neuen Fassaden der gleichen, stets gescheiterten Praxis zu verstecken. Vom Zerfall der Klimabewegung oder dem hoffnungslosen Versuch ohne real existierende Wirkmacht in Form einer organisierten Massenbasis das Menschheitsverbrechen in Gaza zu stoppen, möchte ich gar nicht erst anfangen. Die Linke ist tot.
Ja, die aktuellen Krisen bieten besonders in der Jugend viele Möglichkeiten der Agitation für die Sache des Sozialismus, aber was dann?
Um nicht die gleichen Fehler immer und immer wieder aufs Neue zu begehen und somit das Scheitern der Linken in der nächsten Generation zu reproduzieren, muss man mit sich selbst und seiner eigenen Rolle innerhalb der Linken ehrlich ins Gericht gehen und sich fragen "Was nun?"
Dieses Eingeständnis der eigenen Schwäche, der Handlungsunfähigkeit der sozialistischen Bewegung angesichts der Barbarei, ist absolut notwendig.
Anzuerkennen, dass die Linke, gemessen an der sozialistischen Bewegung Ende des 19. Jh., nur noch ein Schatten ihrer selbst ist, der sich mit Reformismus einerseits und nostalgischem Vulgärmarxismus andererseits vehement dagegen wehrt, dass jemand das Licht an macht, daran führt kein Weg vorbei.
Ehrlich in den Spiegel zu blicken und zuzugeben, dass das Auftreten als Vertreter:in der Massen und die ganzen Phrasen von "einer besseren Zukunft" bis zur "Revolution" zum jetzigen Zeitpunkt reine Fassade sind, ist alternativlos, wenn die sozialistische Bewegung sich ihrer eigenen Situation bewusstwerden will.
Um überhaupt eine Chance zu haben, darf sich der Kardinalsfehler der Linken nicht wiederholen. Es gilt, sich keine Stärke vorzugaukeln, wo keine ist. Das können wir uns nicht leisten. Unsere Gegner lachen uns aus. Warren Buffet sagte bereits am 26.11.2006 in einem New York Times: "There's class warfare, all right, but it's my class, the rich class, that's making war, and we're winning."29
Wir können uns entweder weiterhin an Strohhalmen wie den Umfragewerten der Linkspartei festhalten oder all das hinter uns lassen, denn egal wie viele von uns und egal wie stark wir mit Strohhalmen das Wasser blasen schlagen lassen, kochen tut es trotzdem nicht. Das Feuer ist aus. Die Flamme ist erloschen. Die Stärke der Linken war stets die Selbstkritik, doch als man im 20. Jahrhundert begann Niederlagen zu Siegen und Scheitern zu Erfolgen umzudeuten, wurde unsere mühsam entfachte Flamme in Lügen erstickt.
XI. Was nun?
Konferenzen und Versammlungen lösen in mir stets eine gewisse Euphorie aus, die sich allerdings je nach Organisation mit unterschiedlichen Schwerpunkten in meinen Texten niederschlägt und den Leser:innen zum Abschluss vielleicht einen Einblick in meinen Gemütszustand nach dieser Mitgliederversammlung gewährt. Was ich im vorherigen Kapitel begann, möchte ich hier zu Ende bringen.
Die angesprochene Abwesenheit einer sozialistischen Massenpartei ist keineswegs ein Plädoyer dafür, das Handtuch zu werfen, sondern in ein aufrichtiges Verhältnis mit dem eigenen Handeln zu treten.
Geht in bestehende Organisationen und lernt von ihnen, was sie gut können und was nützlich ist! Geht in die Gesellschaft, lernt die Bedürfnisse der Menschen kennen und versucht sie um ihre Interessen zu organisieren!
Aber glaubt nicht, dass tote Organisationen einmal mit der Revolution schwanger werden können!
Verfallt nicht dem Selbstbetrug, der uns in diese Misere gebracht hat!
Und am wichtigsten: partizipiert nicht an der Selbstdarstellung der Linken und der Kaschierung der eigenen Schwäche! Zur Revolution können wir uns nicht durchlügen! Es gibt keine Abkürzungen!
Wie Rosa Luxemburg schon Ferdinand Lasalle paraphrasierte: "Zu sagen, was ist, bleibt die revolutionärste Tat."30
Uns als Sozialist:innen ist bewusst, dass die Widersprüche des bürgerlich-kapitalistischen Systems über sich hinausweisen. Diese Widersprüche aufzuzeigen und sie als Teil der Massen als die unseren zu begreifen, dafür benötigt es eine Organisierung der Massen, eine Organisierung der Gesellschaft als Ganzes. Doch was das praktisch bedeutet und welche Fähigkeiten dafür notwendig sind, dass hat uns unsere linke Sozialisation nicht beigebracht. Zu Kadern müssen wir uns selbst ausbilden!
XII. Fazit
Die MV hat mir einen interessanten Einblick in die KSP gegeben und ich halte es für mehr als empfehlenswert ihre Entwicklung weiter zu begleiten und zu schauen, wohin dieser anachronistisch wirkende Versuch führen wird und was wir aus ihm lernen können, daher mein Appell:
Einen Bruch mit beinahe allen existierenden linken Strukturen und mit der eigenen Sozialisation durch diese zu vollziehen, ist keineswegs einfach. Und ja, es mag ein hohes Wagnis sein, sich von all dem abzuwenden. Doch wenn diese Strukturen der Revolution seit 100 Jahren keinen Schritt nähergekommen sind und teilweise nicht aus ihrer eigenen Vergangenheit zu lernen scheinen, was soll uns dann glauben lassen, dass sie in den nächsten 100 Jahren die Revolution ermöglichen werden.
Wenn ihr von Menschen lernen wollt, die jahrelang in den verschiedensten Organisationen Erfahrungen über politische Theorie und Praxis gesammelt haben.
Wenn ihr von Menschen lernen wollt, die alle Phasen der deutschen Linken in den letzten Jahren durchlitten haben, nur um sie immer wieder Scheitern zu sehen.
Wenn ihr von Menschen lernen wollt, die am Ende zu dem Schluss gekommen sind, dass nur die ehrliche, jahrzehntelange Arbeit in den Massen für die Massen das Potenzial der Befreiung der Massen durch die Massen besitzt.
Dann solltet ihr mal bei der KSP vorbeischauen.
Sie reden wie Sozialist:innen, handeln wie Anarchist:innen (im heutigen Sinne), aber sind im Grunde genommen einfach nur die netten Leute von nebenan, die ehrlichen Herzens versuchen das Richtige zu tun. Und selbst wenn die KSP scheitert "wissen wir, dass wir etwas Sinnvolles gemacht und den Menschen geholfen haben."
- ein KSP-Mitglied
Vielen Dank an Rapha von der KSP, der mich bei der Erstellung dieses Berichts stets motiviert und unterstützt hat.
Website der DKP; zuletzt abgerufen am 21.04.2026 unter: https://dkp.de/.
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Auf der Website der KSP; zuletzt abgerufen am 04.04.2026 unter: https://kampagnesozialistischepartei.de/die-kampagne/.
Kommentare unter dem Youtube-Video von Fabian Lehr; zuletzt abgerufen am 02.04.2026 unter:
Kommentare unter der Instagram-Ankündigung von Fabian Lehr; zuletzt abgerufen am 02.04.2026 unter:
Lehr, Fabian: Die Linke im Porträt: Kampagne für eine sozialistische Partei (KSP) - mit Odie, auf seinem YouTube-Kanal Fabian Lehr am 29.10.2025 bei 29:36; zuletzt abgerufen am 02.04.2026 unter:
Kommentare unter folgenden zwei Beiträgen; zuletzt abgerufen am 02.04.2026 unter:
und
„Die Linke hilft“ auf der Website der Linkspartei; zuletzt abgerufen am 04.04.2026 unter: https://www.die-linke.de/partei/die-linke-hilft/.
Newsletter der Kampagne für eine Sozialistische Partei; zuletzt abgerufen am 05.04.2026 unter: https://kampagnesozialistischepartei.de/newsletter/.
Graemer, Dennis, Propaganda über Projekte. Eine Antwort auf einen Beitrag im letzten Newsletter, in: Newsletter der Kampagne für eine Sozialistische Partei, Heft 7, Jul.-Dez. 2025, S. 15ff; zuletzt abgerufen am 05.04.2026 unter: https://kampagnesozialistischepartei.de/newsletter-7/.
Draper, Hal, Anatomie einer Mikrosekte, 1973, in: Kampagne für eine Sozialistische Partei (Hrsg.), Lesekreis: Was ist eine sozialistische Partei? S. 194.
Eine ausformulierte Version dieses Gedankens findet sich am Ende meines Berichts Die Probleme der großen Schwester - Bericht von der Sommerwerkstatt von Junge Linke Österreich 2025 aus dem Herbst 2025.
Website von widersetzen; zuletzt abgerufen am 04.04.2026 unter: https://widersetzen.com/.
Lenin, Wladimir Iljitsch, Referat über Krieg und Frieden 7. März, 1918, in: Marx-Engels Lenin-Stalin-Institut beim Zentralkomitee der SED (Hrsg.), Lenin Werke 27, Dietz Verlag, Berlin, 1960, S. 85.
Stein, Ben, In Class Warfare, Guess Which Class Is Winning, in: The New York Times vom 26.11.2006.
Luxemburg, Rosa, Z doby rewolucyjnej: Co dalej? Warschau: Wydawnictwo "Czerwonego Sztandaru", 1906.

